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Müssen wir das Leben vor der Arbeit retten?

Erschienen als Gastbeitrag von Rebecca Paul im Beileger „HomeAndOffice“ von „netzwerk südbaden“.

Ich liebe meinen Job. Wirklich. Sie auch? Ich gehöre zu den schrägen Vögeln, die mal früh morgens vor dem ersten Kaffee schon was wegschaffen, am Wochenende Blitzeinfälle haben, und im Urlaub auch gelegentlich was tun – „nur kurz“, da hab’ ich schließlich die meiste Zeit. Bin ich ein Überbleibsel der Spezies Workaholic? Oder bin ich womöglich süchtig? Oder kurz vor einem Burn-out? Hab’ ich kein Hobby, keine Freunde und kann ich mein Heim nicht einfach mal so genießen? Gott sei Dank, nichts von alledem. Meine Arbeit erfüllt mich ganz einfach und das empfinde ich als großes Geschenk. Und ja – ich nehm’ sie auch mit nach Hause. Mal tatsächlich und mal nur im Kopf, denn den hab’ ich halt auch zu Hause dabei.

Und genau das ist ein Thema, das immer mehr polarisiert. Auf der einen Seite wollen viele Menschen, quasi Post-Corona, am liebsten gar nicht mehr zurück ins Büro, sondern vom Home-Office aus arbeiten. Zumindest so oft wie möglich. Auf der anderen Seite fürchten viele die vollständige Verschmelzung von Arbeit und Heim, das Verlieren jeglichen Winkels für Rückzug und Auftanken. Work-Life-Blending, um mal wieder einen Trend-Begriff zu bemühen. „Wir müssen das Leben vor der Arbeit retten“ scheint der Leitsatz der Stunde – und auch gleich unsere Seelen vor dem Verkümmern. Ich weiß schon – das klingt nach Sarkasmus. Tatsächlich finde ich es aber ganz einfach nur schade. Denn allein die Diskussion von Work versus Life, von Müßiggang versus Sklaventum, vom Brennen und Ausbrennen … allein diese Gedanken rauben uns so viel wertvolle Zeit und Energie und wir schenken ihnen viel zu viel Raum. Was da in unseren Köpfen passiert, ist der seltsame Gedanke, die wahren Werte könnten wir nur jenseits der Arbeit verwirklichen. So wie damals zu Zeiten der industriellen Revolution, als das Fließband uns zu stupiden Abarbeiten wenig sinnstiftender Einzelaufgaben machte. Nur sind doch Sinn und Eigenverantwortung heute so präsent wie noch nie? Und prompt macht uns genau das jetzt zu schaffen. Was tun? Alles einfach eine Frage des Blickwinkels?

Tatsächlich ist dieses Unbehagen, das uns zwischen Arbeit, Freizeit, Familie und Heim hin- und hertreibt, nicht neu. Wir fügen uns mit diesem mentalen Kampf in eine altehrwürdige Tradition, die zurückreicht bis Aristoteles. Nur haben wir heute wesentlich mehr Rechte. Und deutlich mehr Verantwortung. Die müssen wir aber halt auch übernehmen. Will sagen: Die Verantwortung für die Gestaltung meines Lebens liegt einzig und allein bei mir. Ob mich meine Arbeit glücklich macht und ob mein Heim das tut – auch diese Verantwortung liegt bei mir. Und das mit dem Work-Life-Blending hat ja auch eine Ursache: Dahinter verbirgt sich der stetig wachsende Wunsch nach Flexibilität. Ja, Arbeitnehmer sind auch nach dem offiziellen Feierabend erreichbar und erledigen ToDos. Sie lesen Mails vor dem Frühstück, machen abends noch schnell die Präsentation fertig oder nehmen im Urlaub remote an einem Meeting teil. Gleichzeitig regeln sie aber auch während der Arbeitszeit private Angelegenheiten, was sonst nicht möglich wäre. Wie den Gang zu einem Amt, einem Arzt oder dem Kindergarten, um den Sprössling einzusammeln. Oder auch ganz einfach in der Kaffeepause mal eben schnell die Spülmaschine ein- und die Waschmaschine ausräumen. Das Konzept ist kaum noch wegzudenken aus der modernen Arbeitswelt. Und es ist deutlich charmanter als eine Work-Life-Balance. Denn während die versucht, Defizite auszugleichen und zwei Pole auszubalancieren, was ohnehin kaum noch gelingt, versucht die Work-Life-Integration beide Welten harmonisch miteinander zu verbinden. Für mehr Gesundheit, Glück und Wohlbefinden und eben auch für mehr Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Vor- und Nachteile dieser Verschmelzung liegen selbstredend auf der Hand – entscheidend ist, was wir daraus machen. Und natürlich braucht es einen verantwortungsvollen Umgang mit der Freiheit auf beiden Seiten. Beim Arbeitgeber und beim Arbeitnehmer.

Übrigens: Kennen Sie eigentlich schon Hoffice? Ja – die Kombination aus Home und Office. Und nein, ist nicht dasselbe wie Home-Office. Und ja, gibt’s wirklich schon.

 

„Die Work­-Life­-Integration versucht, beide Welten harmonisch miteinander zu verbinden. Die Vor-­  und Nachteile liegen auf der Hand – entscheidend ist, was wir daraus machen.“

 
 

Da gibt es die Menschen, die von Zuhause aus arbeiten wollen und können und – jetzt kommt’s: Die auch noch Platz für zwei oder drei weitere arbeitende Menschen haben. Und schon gibt es eine Mischung aus Home-Office und Coworking-Space. Und das scheint ganz gut zu funktionieren und zu bereichern. Zum einen wird der vorhandene Wohnraum ökonomisch sinnvoll genutzt – zum anderen gewinnen alle Beteiligten neue soziale Kontakte, bekommen neuen Input und steigern quasi nebenbei ihre Produktivität. Es gibt weltweit schon diverse Hoffice-Netzwerke für Austausch und um Hoffice-Platz-Bietende und Hoffice-Platz-Suchende zusammenzubringen. Wirklich kompliziert ist es auch nicht, wir sind von Car-Sharing bis Airbnb bereits aufs Teilen geschult. Ich weiß schon, es gibt Berufe, bei denen das nicht geht. Weder als Pilot, noch als Kassierer, noch als Schweißer im Maschinenbau ist das möglich. Auch liegt beim einen oder anderen die Expertise eher in der Prokrastination denn in Eigenmotivation, Eigenverantwortung und Eigenstruktur. Dann wird’s auch schwierig.

 

„Ich trenne Leben und Arbeit nicht. Ich bin ja ein ganzer Mensch. Meine Arbeitszeit ist auch meine Lebenszeit.“

 

Und natürlich gibt es Menschen, die wollen keine Fremden in ihrem Haus haben. Es mag aber auch nicht jeder Salted Caramel Schokolade – ich dagegen empfind sie als sensationell. So ist das mit den Geschmäckern und den Bedürfnissen und den Lebens- und Arbeitsplänen eben.

Aber der Klarheit halber: Ich liebe nicht nur meine Arbeit. Ich liebe auch mein Heim. Es ist hell, klar und lichtdurchflutet. Es hat eine 60 Quadratmeter große Terrasse, von der aus ich am liebsten Sonnenuntergänge genieße. Mit einem Glas trockenen Rotwein, meinen beiden Katern und einem guten Buch. Oder netter Gesellschaft. Oder einfach nur mit mir. Oder: Ja, auch mal mit meinem Notebook. Ich trenne Leben und Arbeit nicht. Ich bin ja auch ein ganzer Mensch. Und es gibt da diese eine Erkenntnis, die ich in mir trage: Meine Arbeitszeit ist auch meine Lebenszeit. Es gibt nur Lebenszeit. Zeit ist Zeit. Ob ich die Zeit als wertvoll empfinde und sie schätze und genieße – oder ob ich frustriert bin und unzufrieden, das ist meine bewusste Entscheidung. Ob ich den guten Dingen Raum gebe – auch das entscheide ich. Die Dinge passieren mir nicht. Ich entscheide mich für sie. Und ich gestalte sie. So, dass ich mich darin wohlfühle. Dass ich darin leben will. Dass ich genießen und ‚Ich‘ sein kann. Das ist mein Weg. Und das wünsche ich jedem. Dass ein jeder ankommt in seinem Leben und sich einrichtet. Sich entfaltet. Beruflich wie privat. Machen wir uns also an die Arbeit! Und genießen wir unser Heim, unsere Arbeit, und unser Leben …

Den gesamten Beileger „HomeAndOffice“ können Sie hier als PDF herunterladen.

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